Was wollen eigentlich die Legehennen?
Käfig oder Freilandhaltung?


 
Fotos v. l.: Der Großgruppenkäfig (mit Blitzlicht) wie ihn die Geflügelwirtschaft propagiert und ohne Blitzlicht, gute Freilandhaltung im
Winter.                                                                                                                                 

Zum Verhalten der Hühner zitieren wir aus
Dieter E. Zimmer, „Hühner oder Eiweißmaschinen?“, rororo Sachbuch, Hamburg, 1983, ISBN 3499 177 48 X
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Hühner stimmen selber ab
  Nein, wir können die subjektiven Erlebnisse anderer Wesen nicht beweisen und nicht messen. Aber daß sie der Wissenschaft nicht zugänglich sind, sagt noch lange nicht, daß es sie nicht gäbe. Die stammesgeschichtliche Kontinuität der Lebewesen, die Übereinstimmung der höheren Wirbeltiere in Anatomie. Physiologie. Biochemie und auch im Verhalten deuten viel eher darauf hin, daß höhere Tiere durchaus keine bewußtlosen Maschinen sind, sondern subjektive Erlebnisse haben, Lust und Schmerz kennen wie wir selber.
  Es ist indessen sehr schwer, sich vorzustellen, was genau einer einzelnen Tierart Lust und was ihr Unlust bereitet. Der Schluß vom Menschen mag hier gröblich in die Irre führen.
  Aber wenn wir auch nicht in die Erlebnisse der Tiere hineinblicken können und sie keine Sprache haben, uns davon zu berichten – wir können ermitteln, wie sie Unlust ausdrücken; und wir können sie abstimmen lassen.
  Wann ist eine Henne frustriert? Sie drückt es aus, es läßt sich feststellen. Man hat Futterschalen mit einem durchsichtigen Deckel ab gedeckt und vor hungrige Hühner gestellt. Das Huhn pickt nach dem Futter, aber es erreicht es nicht. Frustration heißt: einen Bedarf nicht stillen können. Das frustrierte Huhn, so zeigte sich, schüttelt rasch den Kopf von Seite zu Seite, pickt auf dem Boden, putzt sich erregt und eilig. Es sind Übersprunghandlungen, wie wir sie von uns selber kennen, etwa wenn wir nervös zur Zigarette oder zur Salzbrezel greifen. sobald wir uns hei einem Gespräch unbehaglich zu fühlen beginnen, Wenn wir jene Art von Verhalten beobachten, dürfen wir also schließen: die Hühner fühlen sich jetzt frustriert, auch wenn uns die Ursache der Frustration nicht unmittelbar einsichtig ist,

  In der Schweiz haben die Verhaltensforscher Alfred Huber und Detlef . Fölsch in langwierigen und mühsamen Untersuchungen die Lautäußerungen des Haushuhns untersucht. Sie haben beobachtet, in
welchen Situationen die Hühner bestimmte Laute ausstoßen, haben diese Laute auf Tonband aufgenommen, haben die Tonbandaufzeichnungen in Form von Sonagrammen sichtbar gemacht und schließlich verglichen, ob die einzelnen Laute in verschiedenen Haltungsformen gleich oft vorkamen. Sie haben Hühner sprechen lassen.

  Insgesamt konnten sie fünfundzwanzig Laute unterscheiden und in ihrer Bedeutung bestimmen. Hähne zum Beispiel (selten auch ältere Hennen) krähen, wie jede r weiß; schon nicht mehr jeder weiß jedoch, was dieses Krähen bedeutet: Der morgendliche Krähruf des Hahns gibt anderen Herden in der Umgebung seinen Standort bekannt und meldet seinen Revieranspruch an; tagsüber kräht der Hahn. um versprengte Hennen zur Herde zurückzurufen.

  Die anderen Laute der Hühnersprache sind weniger markant und schwerer zu deuten. Nähert sich ein Raubtier, so stoßen Hennen den Angstruf aus: kurze, gellende Schreie. Werden sie von anderen Hühnern gehackt, äußern sie den Hackaufschrei: ein einsilbiges «gaik». Vor der Eiablage oder beim Aufsuchen der Schlafplätze «gackeln» sie: Es klingt wie ein unrege l mäßig gedehnt es «ga-ga-ga». Nach der Eiablage lassen sie das «Legegackern» hören, das bekannte «ga-ga-g;i-ga-gaaak» mit dem langen und hohen Abschluß. Kommen Hennen in Brutstimmung. werden sie «glucksig»: Sie äußern weiche, kurze «gluck-gluck»-Laute. Nähert sich eine Ratte oder Katze dem Nest einer brütenden Henne, so «gurrt» sie wiederholt mit einem Vibratolaut.

Nachdem sich Huber und Fölsch solchermaßen mit einer Art Wörterbuch der Hühnersprache ausgerüstet hatten, verglichen sie Lautäußerungen in verschiedenen Haltungssystemen. Sie fanden erhebliche Abweichungen. Vor allem in zweierlei Hinsicht unterschieden sich Käfig-Hennen von Boden-Hennen. Einmal «gackelten» sie wesentlich mehr und länger - das heißt, sie zeigten vor der Eiablage eine länger anhaltende und stärkere Unruhe. Zum anderen kam der «freundliche Rangordnungslaut» (eine dem «Gackeln» ähnliche «ga-gaak»-Strophe) bei ihnen seltener vor. Es ist eine Art Unterwerfungslaut, den eine frei lebende Henne äußert, wenn sie sich vordem Hahn duckt oder wenn sie sich einer anderen Henne nähert, die einen Futterplatz oder eine Tränke besetzt hat, und mit dem sie ihr zu verstellen gibt, daß sie ihr den Platz nicht streitig machen will.

  Die Bemühung um das Verständnis der Hühnersprache also hatte durchaus ein klares Ergebnis: In den Batterieställen herrscht größere Unruhe und weniger Freundlichkeit.

  Einen anderen Weg ging die Oxforder Zoologin Marian Davvkins:

Sie ließ Hühner wählen. Schon in der ersten Hälfte der siebziger Jahre hatte in England B. 0. Hughes einige Präferenz-Versuche mit Hühnern gemacht und dabei Dinge entscheiden können, die der Mensch auch unter Aufbietung der größten Phantasie nie hätte entscheiden können. Zum Beispiel hatte 1965 die britische Bramhell-Kommission im Namen des Tierschutzes die Empfehlung gegeben, als Käfig-Boden keinen Draht mit kleinen sechseckigen Maschen zu verwenden. sondern gröberes Material. Es schien aus eigentlich einleuchtenden Gründen den Hühnern ein höheres Wohlbefinden zu garantieren. Hughes ließ die Hühner selber zwischen verschiedenem Bodenmaterial wählen - und sie bevorzugten den kleinmaschigen Draht. Tatsächlich also fühlten sie sich auf ihm wohler.

  Was stört ein Huhn mehr: die Enge des Käfigs oder sein Drahtgitterboden? Oder keins davon? Oder beides gleichermaßen? Mit aller seiner Vorstellungskraft kann der Mensch die Frage für das Huhn nicht entscheiden. Hughes ließ die Hühner zwischen engeren und größeren Käfigen wählen: Sie wählten die größeren. Und er ließ sie zwischen engen Käfigen mit Sandboden und größeren Käfigen mit Drahtgitterboden wählen: Sie wählten den Sand. Die Größe des Käfigs ist den Hühnern also offenbar nicht gleichgültig, und sie ziehen den größeren vor: aber wichtiger als die Größe ist für sie die Beschaffenheit seines Bodens.

  Diese Versuchslinie führte Marian Dawkins fort. In einer längeren Serie von Experimenten ließ sie die Hühner mit den Füßen zwischen verschiedenen Haltungsformen abstimmen.

  Die Versuchstiere gehörten einer Generation einer Zuchtlinie an und wurden nach dem Zufall in zwei Gruppen geteilt. Die eine wurde in Käfigen, die andere im Auslaufgehalten. Dann wurden die Tiere einzeln in einen Gang gesetzt, der auf der einen Seite in einen kleinen Garten führte, auf der anderen in eine Käfigbatterie. Wie würden sich die Hühner entscheiden?

Alle sieben Auslauf-Hühner entschieden sich sofort und ohne Zögern für den Garten. Von den sieben Käfig-Hühnern wählten beim ersten Versuch nur drei den Auslauf. Doch vom vierten Versuch an waren es schon fünf, die diese Wahl trafen, beim siebten sechs, und waren sie einmal im Auslauf gewesen, so kehrten sie immer wieder
dorthin zurück. Daß einige anfangs den Käfig vorgezogen hatten, bedeutete also nicht, daß ihnen der Käfig besser als der Auslauf gefiel. Es bedeutete vielmehr, daß sie nur darum gegen den Auslauf votiert hatten, weil er ihnen ungewohnt war. Sobald sie ihn kannten, zogen auch sie ihn vor.

  Eine solche Präferenz, wie deutlich auch immer, sagt nun allerdings nicht das mindeste darüber, ob die Tiere im Käfig leiden. «Wenn einem Menschen zum Beispiel die Wahl zwischen einem Ein- und einem Zehn-Pfund-Schein geboten würde», schrieb Dawkins. «und er sich immer wieder für den Zehn-Pfund-Schein entschiede, dürften wir daraus kaum den Schluß ziehen, daß er angesichts von Ein-Pfund-Scheinen litte. Die Präferenz an sich genügt nicht, um auf Leiden und mangelndes Wohlbefinden zu schließen. Ein solcher Schluß ist nur möglich, wenn wir ermitteln können, wie stark die Präferenz ist, wenn sie an irgendeinem Maß gemessen wird, zum Beispiel daran, auf wieviel ein Tier verzichtet, um etwas anderes zu erhalten.»

  In den weiteren Versuchen beließ Dawkins es darum nicht bei der Wahl zwischen Käfig und Auslauf. Sie stattete den Käfig mit Attraktionen aus. die dem Auslauf fehlten.

  Hühner sind Herdentiere. Sie leben in Scharen. Sie suchen die Nähe von Artgenossen der eigenen Schar. Die Isolierung von anderen Hühnern frustriert sie. Im einen Versuch befanden sich andere Hennen auf der Käfig-Seite: der Auslauf dagegen war leer. Neun von zehn Hennen wählten trotzdem den Auslauf (die zehnte wahrscheinlich nur darum nicht, weil sie sich gerade auf die Eiablage vorbereitete und den geschlossenen Käfig für einen geschützteren Nestplatz hielt), In die Sprache menschlicher Erlebnisse übersetzt, besagte diese Abstimmung also: Lieber einsam, aber frei.

  Im letzten Versuch wurde den Hennen gezeigt, daß sie im Käfig Futter fänden, im Auslauf aber nicht. Drei von den zehn Versuchstieren wählten trotzdem den Auslauf. Allerdings, keines war besonders hungrig. Hungrige Hennen wählten immerund ausnahmslos den Ort. an dem sich Futter fand, ob Käfig oder Auslauf. Der Hunger also ist ein so starker Antrieb, daß er alle anderen Präferenzen vergessen macht. Wiederum in die menschliche Erlebnissprache übersetzt, lautet das Ergebnis also, und es erstaunt uns - eigentlich erstaunlicherweise - kaum, da wir selber kaum anders entscheiden würden: Freiheit ist etwas Schönes, und ihretwillen verzichtet man sogar auf einige Annehmlichkeiten: aber lieber ins Gefängnis als verhungern.

  Wer wollte einwenden, Hühner seien zu dumm, um zu wissen, was gut für sie ist? Jeder kann es einwenden, und er hätte völlig Recht. Trotz aller Intelligenz weiß ja selbst der Mensch nicht immer, was gut für ihn ist, und muß manchmal zu seinem Glück gezwungen werden - viele kluge Patienten muß der Arzt vor dem Zahnziehen mühsam zu einer Betäubungsspritze überreden. Aber die Präferenz-Versuche sollen schließlich auch gar nicht klären, was objektiv gut für die Tiere ist; sie sollen verraten, was die Tiere ihrerseits besser und schlechter finden. Und offenbar haben sie Vorstellungen davon und treffen ihnen gemäß ihre Wahl. Diese Präferenzen sind im einzelnen für den Menschen nicht immer voraussehbar, aber deutlich vorhanden.

  Mit einiger Spitzfindigkeit ließe sich einwenden: Gut. Tiere zeigen Präferenzen; es besteht auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß sie irgendwelche Gefühle haben. Aber ihre Präferenzen sagen nichts
über ihre Gefühle - nur menschliche Willkür stelle eine Verbindung zwischen beidem her. Das wäre nun zwar tatsächlich eine Möglichkeit, aber sie ist nicht besonders plausibel. Aus evolutionshiologi-
scher Perspektive erscheint sie sogar völlig widersinnig. «Daß die Vorliebe eines Tieres für eine bestimmte Umgebung höchstwahrscheinlich sehr straff mit seinen subjektiven Gefühlen korreliert ist, hat seinen Grund darin, daß die natürliche Auslese eine solche Beziehung begünstigt haben muß. Wir müssen erwarten, daß die Lebenstauglichkeit eines Tieres in verschiedenen Umwelten sich zusammen mit der Fähigkeit einzelner Milieus und Situationen entwickelt hat. es zum Verweilen oder zum Meiden zu veranlassen», schreibt Marian Dawkins.

  Das heißt: auch wenn sie keine schwierigen Gedanken denken können, besitzen die Tiere doch ihre arteigene Vernunft, und diese «Vernünfte» bilden ein stammesgeschichtliches Kontinuum. Sie operieren nicht in Gedanken, sondern in Gefühlen. Gefühle sind nichts anderes als primitive, nämlich stammesgeschichtlich frühe Schlüsse, zu denen das Gehirn kommt und die es bewußt macht. Die Sprache von Gefühlen und menschlichen Gedanken ist teilweise ineinander übersetzbar: Der Gedanke «Der hat etwas, was ich haben möchte» entspricht dem Gefühl «Neid» und umgekehrt. Die Entwicklung auch der menschlichen Gefühle kann bis weit ins Tierreich zurückverfolgt werden. Diese Gefühle sind es, die uns mit den höheren Wirbeltieren verbinden. Daß Gefühle und Verhalten auseinanderklaffen, kann die natürliche Selektion schlechterdings nicht zugelassen haben. Das Huhn. das beim Erscheinen eines Fuchses keine Angst bekommt, oder das zwar Angst bekommt, aber nicht davonläuft und sich unauffällig oder unsichtbar zu machen sucht, ist sehr bald schon tot. Situationen, Gefühle und Motivationen müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt sein. Gäbe es diese Stimmigkeit nicht, so wäre absurdes Verhalten die Folge und die Regel.

  Wer irgendein Gespür für Logik und den Zusammenhang der Natur besitzt, kann also über Versuche wie die von Huber/Fölsch, Hughes und Dawkins nicht spöttisch hinweglächeln. Auch wenn die Geflügelwirtschaft es nicht gerne hört und ihre Sachverständigen aufbietet. die beweisen, daß es den Hennen in den Batterieställen so gut wie nirgends sonst geht: Die Hennen selber haben sich gegen die Käfige ausgesprochen.
Fotos: Ingrid und Eckard Wendt